2000 – Nr. 19

2000 – Nr. 19

 
Ein Leben mit der Harmonika
Gerhard Plesch 1999
© Hansi Dörfel

Ein Leben mit der Harmonika

Der Klingenthaler Gerhard Plesch wurde 1940 geboren. Sein ganzes Leben widmete er der Mundharmonika. Ab 1954 erlernte er den Beruf „Mundharmonikamacher/Stimmer“ im damaligen Sachsenberger Werk VEB-Vermona. Bis zum vergangenen Jahr, die Fabrik trägt heute wieder den Traditionsnamen C. A. Seydel Söhne und ist die älteste produzierende Mundharmonikamanufaktur der Welt, baute Gerhard Plesch Mundharmonikas.

Wie viele Instrumentenbauer in unseren Bergen, lernte auch der junge Gerhard Plesch auf dem Instrument zu spielen, das er herstellte. Die Harmona Akkordeon GmbH bezieht heute sogar den musischen Unterricht in das Lehrprogramm der Auszubildenden mit ein. Gerhard Plesch brachte es aber zur Meisterschaft. Er wurde 1965 und 1967, unter Begleitung von Doris Güther am Klavier, Preisträger im Mund-harmonikasolisten-Wettbewerb im Rahmen der Musiktage in Klingenthal. Neben seinen solistischen Auftritten war er auch als Mitglied in Mundharmonika-Trios zu erleben.

Die Mundharmonika-Trios

„Die große Zeit der Mundharmonika-Trios war in den 50er und 60er Jahren.“ erzählt Gerhard Plesch. „Für das Musizieren im Trio eignen sich nicht nur Unterhaltungstitel, sondern auch Volksmusik- und nicht zuletzt klassische Stücke. Ein gutes Mundharmonika-Trio sollte von allem etwas zu bieten haben. Dies traf sicherlich für das damals bekannte Trio Herold aus Trossingen und das Trio Harmonie aus Berlin zu; während sich das polnische Weltmeister-Trio ›Con Brio‹ vorwiegend der klassischen Musik verschrieben hat.
Mit den Beatles kam ein neuer ›Musikstil‹ auf, welcher die Musizierform der Mundharmonika-Trios nach und nach verdrängte. Heute ist die Mundharmonika selbst dort nicht mehr vertreten, wo sie unbedingt hingehört, nämlich in volkstümlichen Veranstaltungen und Fernsehsendungen“ bedauert Gerhard Plesch. Allerdings erfreut sich die Mundharmonika bei den Bluesspielern (Bluesharp) nach wie vor sehr großer Beliebtheit. „Gegen diese Art des Musizierens ist selbstverständlich nichts einzuwenden. Sie ist jedoch nur eine der musikalischen Möglichkeiten des vielseitigen Musikinstrumentes Mundharmonika.“
Erfahrungen im Zusammenspiel mit anderen Musikern konnte der junge Klingenthaler bereits im VERMONA-Mundharmonikaorchester sammeln.
Das erste Klingenthaler Mundharmonika-Trio wurde von Lehrlingen des Betriebes VEB-Vermona gegründet (Abb. S.8 re. unt.). Die Anleitung lag in den Händen des Kollegen und einst bekannten Volkskünstlers Willy Brunner. Gemeinsam mit ihm erfolgte bereits im Dezember 1956 die 1. Auslandsreise. Es ging nach Finnland (Helsinki und Tambere). „Unvergessen bleibt die 8stündige Flugreise mit der IL-4 (Berlin–Stockholm–Kopenhagen–Helsinki) bei stürmischer Witterung“, erinnert sich Gerhard Plesch. Das Trio gestaltete zahlreiche Programme mit der betriebseigenen Kulturgruppe. Regelmäßig standen Werbeeinsätze im Petershof zur Leipziger Messe im Terminkalender der jungen Musiker. Das Wirken dieses „Trios-Vermona“ wurde durch den Armeedienst der Mitglieder zunächst beendet, später aber mit neuen Spielern, allesamt Berufskollegen, wieder aufgenommen: Dieter Leonhardt (Begleitung), Gerhard Plesch (Melodie) und Eckart Uebel (Baß). Die Stimme von Uebel übernahm später Kurt Glaß. Dieses Trio war 1961 anläßlich einer Ausstellung im Moskauer Gorki-Park eingesetzt. Musikalischer Höhepunkt war ein Auftritt im Moskauer Fernsehen mit dem Säbeltanz von Aram Chatschaturian.
Das, jedenfalls bis heute, letzte Klingenthaler Mundharmonika-Trio war das „Aschberg-Trio“ (Mitglied im Ensemble der Musikinstrumentenbauer). Es wurde am 2. September 1968 von Reinhard Koschemann, Begleitung, Gerhard Plesch, Chromatische Mundharmonika, sowie Winfried Knoth, Baß, gegründet. Diese Gruppe war 20 Jahre lang auf hohem Niveau nach getaner Arbeit musikalisch aktiv. Sie gestaltete zahlreiche Programme und Konzerte, vorwiegend mit dem „Akkordeonorchester Klingenthal“ und dem „Arbeitervarieté Plauen“, aber auch Folklore-Programme und Aufführungen speziell für Urlauber. „Der Auftritt des Mundharmonika-Trios war stets eine willkommene Abwechslung bei den verschiedensten Veranstaltungen und nicht selten der Höhepunkt des Programmes“ erinnert sich Gerhard Plesch.

Der Mundharmonikasolist

Nach einer musikalischen Ausbildung durch den Musiklehrer Herbert Gerbeth wurde Gerhard Plesch als Mundharmonika-Solist Mitglied der „Klingenthaler Harmonisten“. Die Gruppe unter der Leitung von Herbert Gerbeth war zwischen 1961 und 1988 aktiv: Konzerte, Rundfunkaufnahmen, verschiedene Programme, viele Auftritte im In- und Ausland, häufig gemeinsam mit dem „Akkordeonorchester Klingenthal“ wurden absolviert. Der letzte Auftritt der „Klingenthaler Harmonisten“ war im Oktober 1988 in Vilnius bei einer gemeinsamen Konzertreise mit dem Akkordeonorchester Klingenthal.
In guter Erinnerung bleibt auch Gerhard Pleschs beliebtes Programm „Die Mundharmonika im Wandel der Zeiten“. Dieser musikalische Überblick über die Entwicklung des Zungeninstruments, von der Maultrommel über die verschiedensten Modelle bis hin zur kleinsten Mundharmonika der Welt, gab auch viele Einblicke in die Geschichte des Klingenthaler Harmonikabaus.
„In Klingenthal wurden früher alle Typen Mundharmonikas gefertigt. Die Produktion von Baß- und Begleitharmonikas wurde in Klingenthal gegen Ende der 60er Jahre, wegen mangelnder Nachfrage eingestellt und bis heute nicht wieder aufgenommen. Die Fa. Hohner in Trossingen dürfte weltweit der einzige Hersteller (in geringen Stückzahlen) sein.“ berichtet Gerhard Plesch aus der Branche.
Gerhard Plesch feiert heuer seinen 60. Geburtstag. Wir gratulieren herzlich! Der Mundharmonikavirtuose ist jetzt nur noch selten, gemeinsam mit Sohn Thomas, zu erleben. Was aber bleibt, sind die Erinnerungen an große musikalische Erfolge und – die Liebe zur Harmonika.

Klingenthal Magazin 19 (2000), © Th. Lenk
 

 

 
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